..weil kein Übel so schlimm ist, wie die Angst davor.
Es ist Jahre her und trotzdem ist sie sofort wieder da, sobald Schnee fällt. Damals war es eine ganz normale Fahrt. Winter, glatte Straßen, nichts Besonderes. Auf dem Rückweg folgten wir einer Umleitung. Hinter mir ein Auto, das immer wieder ausscherte, als wolle es überholen. Seine Scheinwerfer tauchten ständig im Seitenspiegel auf – grell, aufdringlich, zu nah. Mein Blick blieb daran hängen. Ich wurde geblendet, unsicher, unruhig. Und dann dieser Moment, in dem alles kippt. Nicht laut. Nicht dramatisch. Sondern still und plötzlich. Ich verriss das Lenkrad, das Auto rutschte. Wir gerieten auf die Gegenfahrbahn, zwischen zwei Bäumen hindurch und kamen auf einem Feld zum Stehen. Stille. Von außen betrachtet war kaum etwas passiert. Niemand verletzt. Am Auto fast kein Schaden. Es hätte eine dieser Geschichten sein können, die man mit einem Schulterzucken erzählt. Für mich war es das nicht. Ich fuhr uns noch nach Hause. Mit zitternden Knien, mit Händen, die sich kaum beruhigen ließen. Ich funktionierte, weil ich musste. Der Schock kam erst danach – und blieb länger, als ich erwartet hatte. In den Jahren danach war die Angst immer schneller als ich. Sie saß schon da, bevor ich es bemerkte. Ich vermied Fahrten bei Schnee, fand Auswege, organisierte mich drumherum. Es fühlte sich vernünftig an. Und gleichzeitig machte es die Angst größer. Mächtiger. Unantastbar. Mit der Zeit wurde nicht der Unfall das Problem – sondern die Vorstellung davon. Die Erinnerung. Das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren. Die Angst wuchs, während die Realität immer weiter zurücktrat. Dieses Jahr ließ sich das Ausweichen nicht mehr fortsetzen. Ich musste fahren. Und tief in mir wusste ich: Ich will es auch. Nicht, weil ich plötzlich keine Angst mehr hatte. Sondern weil ich müde war, mich von ihr bestimmen zu lassen. Müde davon, kleiner zu bleiben, als ich eigentlich bin. Die ersten Meter waren hart. Mein Körper erinnerte sich an alles. Die Finger schwitzten, mein Herz schlug schneller, aber ich blieb. Ich fuhr weiter. Und irgendwann begriff ich: Die Angst war größer geworden als das, was damals tatsächlich passiert war. Sie hatte sich aufgebläht, genährt von Vermeidung und Zeit. Und genau hier, mitten auf der Straße, begann sie, an Gewicht zu verlieren. Vielleicht geht es nicht darum, keine Angst mehr zu haben. Vielleicht geht es darum, ihr wieder die richtige Größe zu geben…

Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Entscheidung, dass etwas anderes wichtiger ist.
Ambrose Redmoon