..weil Ehrlichkeit etwas für starke Menschen ist. Schwache wählen die Lüge..
Vor vier Jahren schrieb ich über Lügen. Über ein Gerüst aus Geschichten. Über ein Bauchgefühl, das recht behielt – und eine Welt, die mir einreden wollte, ich bilde mir alles nur ein. Ich schrieb über den Einsturz. Über das „Ich gegen den Rest der Welt“. Über das Gefühl, dass Vertrauen nicht nur bröckelt, sondern pulverisiert wird. Damals war da vor allem Schmerz. Und ein neues, hart erlerntes Prinzip: Die Wahrheit findet ihren Weg. Immer.
Heute, vier Jahre später, traf ich eine der Personen wieder, die zu den Stützpfeilern dieses Gerüsts gehörten. Nicht geplant. Nicht vorbereitet. Ein Offenes Singen, das eigentlich mir gehören sollte – ein kleiner Schritt raus aus der Komfortzone, rein ins Leben. Und plötzlich stand sie da. Vergangenheit in Fleisch und Blut. Früher hätte mich diese Begegnung wahrscheinlich Tage gekostet. Schlaf. Fassung. Vielleicht Würde. Diesmal nicht. Ja, es hat etwas in mir berührt. Ja, Tränen kamen. Aber sie schmeckten anders. Nicht mehr nach Ohnmacht. Sondern nach Abschluss. Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass das Leben Dinge „ohne Grund“ macht. Nicht im esoterischen Sinne. Sondern im menschlichen. Manche Begegnungen sind keine Rückschritte. Sie sind Standortbestimmungen.
Ich war damals keine naive Jugendliche. Ich war eine junge Frau, die an Ehrlichkeit geglaubt hat. Die davon ausging, dass Menschen zu ihren Fehlern stehen. Die überzeugt war, dass Liebe und Loyalität mehr bedeuten als Bequemlichkeit. Was mich am meisten verletzt hat, war nie nur der Betrug. Es war das kollektive Wegreden meiner Wahrnehmung. Dieses subtile „Du übertreibst“, obwohl ich längst spürte, dass etwas nicht stimmte. Und vielleicht musste ich ihr genau deshalb noch einmal begegnen. Nicht um etwas zu klären. Nicht um alte Wunden aufzureißen. Sondern um zu spüren: Ich bin nicht mehr dort. Ich bin nicht mehr die, die sich selbst anzweifelt, wenn ihr Inneres Alarm schlägt. Ich bin nicht mehr die, die um jeden Preis dazugehören will. Ich bin nicht mehr die, die glaubt, sie müsse kleiner werden, damit andere größer wirken dürfen. Und erst recht bin ich nicht mehr die, die bricht, wo sie früher zerbrochen wäre.
Ich bin die, die erkennt, dass die Geschichte nicht mehr die Gegenwart bestimmt. Ich bin die, die nie verstehen wird, wie man einem Menschen in die Augen sehen und ihn belügen kann – und die genau deshalb weiß, dass ihre eigenen Werte intakt geblieben sind. Ich bin die, die singen kann. Sogar im selben Raum wie die Vergangenheit.
Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass Distanz kein Zeichen von Kälte ist, sondern von Selbstschutz. Und dass weniger Menschen nah an mich heranzulassen nicht bedeutet, dass ich verschlossen bin – sondern wählerisch.
Heute umgebe ich mich mit einer Handvoll Menschen, die wahre Worte sprechen. Nicht perfekte. Aber ehrliche. Sie sind der Beweis, dass man wachsen kann. Ich bin nicht mehr die junge Frau von damals. Ich bin eine Frau, die gelernt hat, sich selbst zu glauben und das ist mehr, als jede Lüge mir je hätte nehmen können…

Freundschaft, die von Lüge lebt, stirbt an der ersten Wahrheit…
Hildegard Knef