Leichtes Gepäck

..weil es egal ist, wie langsam du gehst, solange du nicht stehen bleibst.

Die Idee war eigentlich nie meine. Meine Schwester hatte sie schon lange im Kopf – einen Mammutmarsch laufen, 30 Kilometer, einfach losgehen und nicht mehr aufhören. Als sie mir davon erzählte, sagte ich fast nebenbei: „Ich komme mit.“ Einer dieser Sätze, die man sagt, ohne wirklich zu begreifen, was sie bedeuten. Vielleicht war ich naiv. Ich dachte, bei einem Städtetrip läuft man schließlich auch den ganzen Tag – nur eben nicht 30 Kilometer am Stück. Wenig später hielt ich meine Startkarte in der Hand. Ein Geschenk. Und plötzlich wurde aus einer spontanen Zusage Realität. Ein halbes Jahr später standen wir am Start. Die ersten Kilometer fühlten sich leicht an. Zu leicht vielleicht. Die Strecke führte durch Wiesen, Wälder, vorbei an Wasser – es war schön, fast friedlich. Wir redeten, lachten, und das Laufen passierte irgendwie nebenbei. Ich hatte das Gefühl: Das wird schon. Doch irgendwann wurde es stiller. Nicht um uns herum – in mir. Die Schritte wurden schwerer, mein Körper meldete sich. Erst leise, dann immer deutlicher. Mit jedem Kilometer brannten meine Füße mehr und ich merkte, wie ich langsamer wurde. Wie sich Zweifel einschlichen.
Kurz vor Kilometer 23 kam der Anstieg zum Völkerschlachtdenkmal – und dieser Moment traf mich völlig unerwartet. Plötzlich waren da nur noch diese sieben Kilometer vor mir. Der Schmerz. Die Anstrengung. Und ich hatte komplett ausgeblendet, wie weit wir schon gekommen waren – etwas, das mir im echten Leben nur zu vertraut ist.
Meine Schwester erinnerte mich daran, was hinter uns lag. Daran, was wir schon geschafft hatten. Und mein Schwager hatte von Anfang an gesagt, dass wir das gemeinsam beenden – egal, wie lange es dauert. Ich ging weiter. Schritt für Schritt. Und während ich diesen Anstieg hinaufging, wurde es in mir leiser – und gleichzeitig so intensiv, dass ich es kaum greifen konnte. Ich dachte an die letzten Jahre. An all die Momente, in denen ich müde war, erschöpft, überfordert. An die Tage, an denen ich am liebsten einfach liegen geblieben wäre, die Decke über den Kopf gezogen hätte, um nichts mehr fühlen zu müssen. Aber ich hatte es nie getan. Ich war immer weitergegangen. Ich dachte an meine Schwester und meinen Schwager, an mein Kind, an all die Menschen, die mich auf meinem Weg getragen haben. An ihre Liebe. Ihre Unterstützung. An all die Momente, die mich hierher gebracht haben. Und dann kamen die Tränen. Einfach so. Ich konnte sie nicht aufhalten – und wollte es auch nicht. Es war, als würde sich etwas lösen, das ich viel zu lange festgehalten hatte. Keine reine Traurigkeit, keine reine Freude – sondern alles gleichzeitig. Eine Welle aus Erinnerungen, Anstrengung, Stolz, Schmerz und Erleichterung. Gefühle sind da, weil sie gefühlt werden wollen. Und genau das tat ich. Mit Tränen im Gesicht und Schmerzen in den Füßen ging ich weiter – und spürte gleichzeitig, dass genau das gerade richtig ist. Irgendwann war der Anstieg geschafft. Nicht plötzlich. Nicht triumphierend. Einfach…angekommen. Kein lauter Moment. Kein „Ich hab’s geschafft“. Nur dieses leise Gefühl: Ich bin noch da. Die Schmerzen waren nicht weg. Die Strecke noch nicht zu Ende. Und trotzdem war etwas anders. Leichter. Als hätte ich unterwegs etwas abgelegt, das ich viel zu lange getragen habe. Die letzten Kilometer fühlten sich nicht mehr wie ein Kampf an. Eher wie ein stilles Weitergehen. Ein Ankommen – noch bevor wir tatsächlich im Ziel waren. Dann hörten wir Stimmen. Erst leise, dann immer deutlicher. Menschen, die anfeuerten. Leben. Ziel. Die letzten Meter fühlten sich unwirklich an. Meine Schwester griff nach meiner Hand, und ich sah die Tränen in ihren Augen. Zu dritt liefen wir durch den Zieleinlauf. In diesem Moment war alles da: Stolz, Erleichterung, Freude – und etwas, das sich kaum greifen lässt. 30 Kilometer in unter sechs Stunden. Eine Zeit, die ich mir selbst nie zugetraut hätte – und die ich ohne die beiden nicht geschafft hätte. Aber was wirklich bleibt, ist nicht die Zahl. Es ist dieses leise Wissen, dass ich weitergehen kann. Auch wenn es weh tut. Dass Perspektive alles verändern kann. Und dass ich stärker bin, als ich lange geglaubt habe. Vielleicht war dieser Marsch mehr als nur eine Strecke. Vielleicht war er ein Stück Weg zurück zu mir selbst…

by Photographer

You never know how strong you are until being strong is your only choice.

Bob Marley

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