10/10

..weil der, der immer tut, was er schon kann, immer bleibt, was er schon ist…

Ich hatte mir für dieses Jahr eigentlich gar nicht so viel vorgenommen. Kein „Ich werde ein neuer Mensch“.  Kein „Dieses Jahr wird alles anders“. Kein großes Ziel, das am Ende des Jahres unbedingt abgehakt sein musste. Ich wollte nur eines: mehr aus meiner Komfortzone herauskommen. Also habe ich mir vorgenommen, jeden Monat etwas zu tun, das ich normalerweise vielleicht nicht tun würde. Etwas, das mich Überwindung kostet. Etwas, bei dem ich vorher vielleicht denke: Muss das jetzt wirklich sein? Ich wusste nicht, dass aus diesem kleinen Vorsatz irgendwann etwas viel Größeres werden würde. Denn wenn ich heute zurückblicke, waren es gar nicht die einzelnen Dinge, die mich verändert haben. Es war das, was zwischen ihnen passiert ist. Ich bin wieder im Schnee gefahren, nachdem ich das jahrelang nicht gemacht hatte. Ich habe angefangen zu singen – und dabei nicht einfach nur einen Singkurs besucht. Ich habe mich plötzlich mit meiner Vergangenheit auseinandersetzen müssen, weil sie dort leibhaftig vor mir stand. Es gibt Dinge, die man irgendwann irgendwo in sich verstaut und glaubt, sie seien längst weit genug weg. Bis sie plötzlich wieder vor einem stehen. Also habe ich mich damit auseinandergesetzt. Ich bin 30 Kilometer gelaufen. Ich habe Worte gefunden für Dinge, die lange nur in meinem Kopf existiert hatten. Ich habe Entscheidungen getroffen, vor denen ich Angst hatte.
Und irgendwann wurde es irgendwie normaler, Dinge einfach zu tun. Nicht unbedingt leichter. Aber normaler. Ich musste mich nicht jedes Mal davon überzeugen, dass ich das jetzt wirklich machen sollte. Ich habe einfach angefangen, mich öfter zu fragen: Warum eigentlich nicht? Warum nicht etwas ausprobieren? Warum nicht allein irgendwohin fahren? Warum nicht eine Entscheidung treffen, obwohl ich noch nicht weiß, wie sie ausgeht? Warum nicht einfach einmal schauen, was passiert? Das war neu für mich. Denn ich kenne auch die andere Seite ziemlich gut. Dieses ewige Abwägen. Soll ich? Kann ich? Was, wenn …? Man findet Gründe dafür und noch mehr Gründe dagegen. Man denkt an Konsequenzen, an das, was schiefgehen könnte, daran, was andere denken könnten. Und manchmal denkt man so lange darüber nach, bis man am Ende gar nichts mehr macht. Ich habe mich in der Vergangenheit oft genug selbst zurückgehalten. Vielleicht habe ich in diesem Jahr ganz nebenbei gelernt, nicht mehr alles vorher wissen zu müssen. Nicht jede Entscheidung hundertmal im Kopf durchzuspielen. Nicht immer darauf zu warten, dass sich etwas vollkommen richtig und sicher anfühlt. Manches darf einfach passieren. Manches darf ich einfach ausprobieren. Und manchmal darf ich auch etwas loslassen, ohne schon zu wissen, was danach kommt. So wurde aus meinem kleinen Vorsatz irgendwann tatsächlich eine Art Selbstläufer. Ich begann, Dinge zu tun, die ich vorher wahrscheinlich länger überlegt hätte.
Und so habe ich mich auch einfach entschieden, ans Meer zu fahren. Allein loszufahren fühlte sich schon ein bisschen anders an als früher. Meine Schwester und ihre Familie waren dort, also war ich am Ende natürlich nicht ganz allein. Aber ich war allein aufgebrochen, hatte mich entschieden, einfach zu fahren. Und irgendwann stand ich am Wasser.
Ich hatte noch nie bewusst im Meer gestanden. Ich habe sogar im Freibad manchmal Schiss, richtig zu schwimmen. Wasser ist nicht unbedingt mein Element. Aber ich stand dort und schaute hinaus. Und dann dachte ich nicht lange darüber nach. Ich ging einfach los. Schritt für Schritt ins Wasser. Bis die Wellen kamen. Sie brachen über mir zusammen. Wasser überall. Salz auf der Haut. Wind. Kälte. Und ich stand da. In der Ostsee. Plötzlich war da dieses Gefühl, das ich bis heute kaum beschreiben kann. Es war nicht nur Freude. Es war Erleichterung. Eine ganz tiefe, fast körperliche Erleichterung darüber, dass ich für einen Moment nicht gefragt hatte, ob ich darf, ob ich kann, ob ich sollte. Ich hatte einfach entschieden und war gegangen. Vielleicht war genau das der Moment, in dem ich verstanden habe, was sich in diesem Jahr eigentlich verändert hatte. Nicht, dass ich plötzlich keine Angst mehr habe. Die habe ich noch. Aber ich lasse mich von ihr nicht mehr ganz so zuverlässig aufhalten. Ich muss nicht immer erst sicher sein, bevor ich losgehe. Ich darf auch losgehen und schauen, was passiert. Mein Jahresvorsatz war eigentlich ganz klein: Einmal im Monat etwas außerhalb meiner Komfortzone tun. Aber ich glaube, inzwischen geht es um etwas anderes. Ich habe meine Komfortzone nicht verlassen. Ich habe sie ein Stück größer gemacht. Und jetzt weiß ich nicht, was die nächsten Monate bringen. Und zum ersten Mal habe ich nicht das Bedürfnis, das vorher wissen zu müssen. Ich bin einfach gespannt. Auf das, was noch kommt. Auf die Dinge, von denen ich heute noch gar nicht weiß, dass ich sie tun werde. Auf die Momente, in denen ich vielleicht wieder irgendwo stehe, überlege und denke: Soll ich wirklich? Vielleicht höre ich dann irgendwann wieder auf zu fragen und gehe einfach los..

by AnjamLehmfrau

Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer..

Seneca

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