..weil sich das Leben in einem ganz gewöhnlichen Augenblick verändert..
Vor einigen Jahren erläuterte mir der Nachwuchs seine ganz eigene Theorie der Pubertät: Nicht die Kinder würden komisch werden, sondern die Eltern. Wir haben herzlich darüber gelacht und heute sitze ich manchmal auf dem Sofa und denke: Vielleicht hat er recht. Nur ist es eben nicht die Pubertät, die man bei Teenagern erwartet. Es ist meine ganz eigene Form davon. Die Phase, in der ich lernen muss, dass mein Kind seinen eigenen Weg geht. Dass er mich immer weniger braucht. Dass seine Welt größer wird und ich darin nicht mehr Mittelpunkt, sondern ein Teil davon bin. Und das ist gut so. Ich bin so wahnsinnig stolz auf den Menschen, der er geworden ist. Auf seine Persönlichkeit, seinen Humor, seine Freunde, seine Interessen und darauf, dass er seinen Weg geht. Genau das wollte ich immer für ihn. Ich möchte, dass er sich ausprobiert, dass er seine eigene Welt entdeckt und irgendwann sein ganz eigenes Leben führt. Und trotzdem gibt es diese Momente, in denen die Erinnerungen plötzlich ganz laut werden. Ich schau ein Foto an und seh nicht mehr nur das Bild. Da sind wieder die Stimme, das Lachen, der Geruch und dieses ganz bestimmte Gefühl, wie sich dieser kleine Mensch einmal in meine Arme geschmiegt hat. Für einen winzigen Moment ist alles wieder da. Und manchmal möchte ich dann einfach auf Repeat drücken. Nicht, weil ich zurück möchte. Nicht, weil ich mit dem, was heute ist, unzufrieden wäre. Ich möchte nur manchmal noch einmal diese kleinen Arme spüren, die sich um mich geschlungen haben, als würden sie mich niemals wieder loslassen. Noch einmal dieses „Maaama“, das früher gefühlt durch das ganze Haus schallte und mich nach dem zwanzigsten Mal durchaus an den Rand des Wahnsinns gebracht hat. Noch einmal morgens um sechs von schiefen Tönen einer Kindergitarre geweckt werden und danach gemeinsam in meinem Bett einen Film schauen. Noch einmal diese Selbstverständlichkeiten, von denen man damals nicht wusste, dass sie irgendwann Erinnerungen sein würden. Aber so ist das mit dem Erwachsenwerden. Es passiert nicht mit einem großen Knall. Es passiert in kleinen Momenten. Und niemand stellt sich irgendwann in die Küchentür und flüstert: „Genieß das. Das ist das letzte Mal.“ Niemand sagt dir, dass dies der letzte Filmabend sein wird. Dass dies das letzte Mal sein könnte, dass kleine Arme sich um deinen Hals schlingen. Dass du gerade das letzte Quatschfoto machst. Dass dein Kind zum letzten Mal „Maaama!“ durch die Wohnung ruft. Man weiß es einfach nicht. Und vielleicht ist das auch gut so. Denn wenn wir wüssten, dass es das letzte Mal ist, würden wir vermutlich versuchen, es festzuhalten, statt es einfach zu leben. Und während er seine Pubertät durchlebt, habe ich offenbar meine ganz eigene. Ich muss lernen, dass mein Kind erwachsen wird. Dass ich weniger gebraucht werde. Dass ich Zeit zurückbekomme, die jahrelang ganz selbstverständlich von ihm ausgefüllt wurde. Zeit für mich. Für Dinge, die irgendwo zwischen Kita, Schule, Hausaufgaben, Terminen, Brotdosen und Familienleben hintenangestellt wurden. Und diese Zeit ist schön. Ich freue mich darauf, sie wieder ganz neu mit meinem eigenen Leben zu füllen. Aber manchmal, wenn es stiller wird, werden die Erinnerungen lauter. Dann darf ich traurig sein. Und gleichzeitig stolz. Ich darf loslassen und trotzdem vermissen. Ich darf mich über den Menschen freuen, der vor mir steht und mich nach dem kleinen Jungen sehnen, der einmal in meine Arme gelaufen kam. Das ist kein Widerspruch. Vielleicht ist es einfach Liebe. Vielleicht ist es dieses ganz besondere Gefühl, jemanden so sehr zu lieben, dass man ihm von Herzen sein eigenes Leben gönnt – und sich trotzdem manchmal wünscht, man könnte für einen einzigen Augenblick zurückspulen. Nicht, um dort zu bleiben. Nur, um noch einmal zu fühlen, wie es war…

How lucky I am to have something that makes saying goodbye so hard.
Winnie Puuh / A. A. Milne