Der Weg..

..weil nichts für immer ist, nur die Veränderung selbst..

Manchmal kommt es ganz leise, an einem gewöhnlichen Abend, zwischen Alltag und Müdigkeit, in genau dem Moment, in dem es plötzlich still wird. Dann steht diese eine Frage im Raum: Was bleibt eigentlich von uns? In den letzten Jahren habe ich oft Abschied nehmen müssen, zu oft für mein Gefühl. Freitod, Krankheit, Alter, Unfälle – Namen, Gesichter, Stimmen, die Spuren hinterlassen haben und doch verschwunden sind. Ich war auf mehr Beerdigungen, als ich je erwartet hätte. Daran gewöhnt man sich nicht. Man lebt einfach damit weiter und ehrlich gesagt brauche ich diesen formellen Rahmen für mich oft gar nicht. Es fällt mir schwer, die geballte Trauer anderer auszuhalten, während mein eigener Abschied längst stiller geworden ist. Weniger greifbar, weniger nach außen. Ich habe meinen eigenen Umgang damit schon lange gefunden. Trotzdem ist da diese Angst. Die Angst, selbst zu verschwinden, wenn die eigene Zeit kommt. Nicht nur körperlich, sondern wirklich. Vergessen zu werden. Immer wieder taucht diese Vorstellung auf, dass ein Mensch erst dann wirklich geht, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert. Dass Erinnerungen so etwas wie ein zweites Leben sind. Solange jemand deinen Namen ausspricht, deine Geschichte weitererzählt oder dein Lachen in sich trägt, bist du noch da, auf eine leise, schwer erklärbare Weise. Aber was, wenn auch das irgendwann verblasst? Wenn Stimmen verstummen, Bilder unscharf werden und Geschichten nicht mehr ihren Weg finden? Diese Frage trifft mich manchmal unvorbereitet und sie wiegt schwer. Vielleicht, weil sie etwas Grundsätzliches berührt – dieses Bedürfnis, nicht spurlos zu verschwinden, nicht einfach nur ein Abschnitt gewesen zu sein, der irgendwann endet. Und doch wächst mit der Zeit ein anderer Blick darauf. Ganz vorsichtig. Vielleicht bleibt mehr, als wir wahrnehmen können. Nicht unbedingt in etwas, das sichtbar ist oder festgehalten werden kann, sondern in den leisen Spuren, die sich nicht messen lassen. In einem Satz, der jemanden noch lange begleitet. In einem Blick, der Halt gegeben hat. In einer Umarmung, die genau im richtigen Moment kam. In all den kleinen Begegnungen, die sich irgendwo festsetzen und weiterwirken. So hinterlassen wir etwas in anderen, oft unbemerkt. Vielleicht tragen Menschen Teile davon weiter ohne den Ursprung noch benennen zu können. Vielleicht lebt etwas davon in Gedanken, in Entscheidungen, in Gefühlen fort. Das ist keine Spur, die bleibt, wie man es sich vielleicht vorgestellt hat. Keine, die laut ist oder für immer sichtbar. Aber eine, die sich weiterzieht. An manchen Abenden bleibt die Angst trotzdem. Dass irgendwann alles verblasst. Doch es gibt auch diese anderen Momente, in denen spürbar wird, dass nichts von dem, was wirklich Bedeutung hatte, einfach verschwindet. Es verändert sich, geht über in etwas anderes, verteilt sich weiter und vielleicht ist genau das genug. Nicht im klassischen Sinn unvergessen zu sein, sondern Teil von etwas geworden zu sein, das weiterlebt – auch wenn niemand mehr sagen kann, wo es einmal begonnen hat…

by KathiStrophe

Was man tief in seinem Herzen besitzt, kann man nicht durch den Tod verlieren.

Johann Wolfgang von Goethe

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